Unabhängig – nicht unverbunden

In den letzten Wochen sind wir über eine Frage gestolpert, über die wir vorher ehrlich gesagt gar nicht so viel nachgedacht haben:

Wie wichtig ist es für Kommunalpolitik eigentlich, eine große Partei im Rücken zu haben?

Das Argument klingt erst einmal logisch. Große Parteien haben Strukturen auf Kreis-, Landes- und Bundesebene. Dort kennt man Menschen, kommt vielleicht schneller an Ansprechpartner und hat im besten Fall einen direkten Draht dorthin, wo Entscheidungen getroffen werden.

Gerade für eine kleine Insel kann das natürlich hilfreich sein.

Nur haben wir uns gefragt: Wie groß ist dieser Vorteil in der Praxis wirklich?

Denn am Ende wird ein kaputter Hafen nicht dadurch repariert, dass jemand dasselbe Parteibuch besitzt wie ein Landtagsabgeordneter. Und eine Förderung wird auch nicht automatisch bewilligt, weil die politische Farbe auf beiden Seiten dieselbe ist.

Also haben wir ein bisschen zurückgeschaut.

Politische Kontakte können helfen

Ein Beispiel dafür findet man tatsächlich schon 2011.

Damals berichtete die CDU Baltrum über ihre Kontakte zur damaligen Landesregierung und brachte diese auch mit der Bedarfszuweisung für Baltrum in Verbindung. Die Unterstützung des Landes stieg in diesem Jahr von 160.000 auf 210.000 Euro.
Quelle: Baltrum Online, 19.07.2011, „Insel-CDU präsentiert ihre Ziele“ (baltrum-online.de)

Die 210.000 Euro sind auch in den Unterlagen des Niedersächsischen Innenministeriums bestätigt.
Quelle: Niedersächsisches Innenministerium, Bedarfszuweisungen 2011 (mi.niedersachsen.de)

Also ja: Wenn jemand über politische Kontakte etwas für Baltrum anschieben kann, dann sollte man diese Kontakte natürlich nutzen.

Spannend wird es aber, wenn man sich anschaut, wie solche Hilfen eigentlich vergeben wurden.

Die Bedarfszuweisungen waren keine Sonderförderung für politisch passend regierte Gemeinden, sondern ein reguläres Instrument für besonders finanzschwache Kommunen. 2011 hatten 75 Kommunen entsprechende Mittel beantragt und 46 bekamen eine Zuweisung. Geprüft wurden dabei unter anderem die finanzielle Situation und die eigenen Konsolidierungsbemühungen der jeweiligen Kommune.
Quelle: Niedersächsisches Innenministerium, 20.06.2011 (mi.niedersachsen.de)

Das heißt nicht, dass Gespräche im Hintergrund keine Rolle gespielt haben können.

Es heißt nur: Das Parteinetzwerk war nicht das System.

2014 bekam Baltrum erneut eine Bedarfszuweisung. Diesmal sogar 390.000 Euro.
Quelle: Niedersächsisches Innenministerium, Bedarfszuweisungen 2014 (mi.niedersachsen.de)

In Hannover hatte sich inzwischen allerdings die Regierung geändert. Seit 2013 regierte Niedersachsen unter Stephan Weil mit SPD und Grünen.
Quelle: Niedersächsischer Landtag, Regierungsbildung 2013 (landtag-niedersachsen.de)

Ein Parteibuch erledigt die Arbeit nicht.

Beim Südwall wollen jede Hilfe nutzen

Auch beim Südwall am Baltrumer Bootshafen begegnet uns die Frage gerade ganz praktisch. Im Frühjahr kam die Idee auf, über politische Kontakte auf Landesebene zusätzliche Unterstützung für das Thema zu bekommen. Unsere Reaktion darauf war ziemlich unkompliziert:

Natürlich.

Wenn jemand einen guten Kontakt nach Hannover hat, der bei diesem Problem weiterhelfen kann, dann sollte dieser genutzt werden.

In unserem Protokoll vom 4. Mai ist deshalb ausdrücklich festgehalten, dass die Zusammenarbeit mit der CDU zur Südwall-Erhöhung fortgesetzt werden soll.
Quelle: MOIN-Protokoll vom 04.05.2026

Am 22. Juni gab es noch keine konkrete neue Lösung. Gleichzeitig war festgehalten, dass über die Landesebene versucht werden sollte, Bewegung in die Sache zu bringen.
Quelle: MOIN-Protokoll vom 22.06.2026

Ende Juni war das weitere Vorgehen gegenüber NPorts und dem zuständigen Ministerium weiterhin offen.
Quelle: MOIN-Protokoll vom 30.06.2026

Bei unserer öffentlichen Veranstaltung im Juli bei Pipo’s SurfBude haben wir deshalb auch nach dem Stand dieser Kontakte gefragt. Ein konkretes Ergebnis daraus ist uns bislang nicht bekannt. Die Veranstaltung und die offene Fragerunde sind öffentlich dokumentiert, die konkrete Nachfrage zum Südwall stammt aus unserer eigenen Veranstaltungsdokumentation.
Quelle: Baltrum Online, Juli 2026, Bericht zur MOIN-Veranstaltung bei Pipo’s SurfBude und eigene Veranstaltungsdokumentation (baltrum-online.de). Wenn inzwischen etwas daraus entstanden ist: umso besser.

Denn eigentlich ist genau das der Punkt. Wenn eine Partei einen Kontakt hat, der etwas bewegt, dann sollte dieser genutzt werden. Wenn jemand anderes den besseren Kontakt hat, genauso. Beim Südwall ist uns am Ende ziemlich egal, über welchen Schreibtisch die Lösung gekommen ist. Hauptsache, es gibt eine.

Vielleicht ist das heute sogar die wichtigere Form von Netzwerk

Wir verstehen politische Vernetzung deshalb etwas breiter. Natürlich gehören Abgeordnete und Ministerien dazu. Aber genauso interessant kann ein Bürgermeister einer anderen Insel sein, der ein ähnliches Problem schon einmal gelöst hat. Oder eine Fachbehörde und ein Planungsbüro. Vielleicht kennt ein Unternehmer jemanden, der Förderprogramme beurteilen kann oder eine Bürgerin arbeitet zufällig genau in dem Bereich, den wir gerade brauchen.

Warum sollten wir uns dabei vorher auf eine politische Richtung festlegen? Für uns wäre das eher verschenktes Potenzial. Gerade auf Baltrum brauchen wir nicht ein großes Netzwerk. Wir brauchen viele.

Deshalb sehen wir Unabhängigkeit nicht als fehlende Verbindung

Eine unabhängige Wählergemeinschaft hat keine Parteizentrale, bei der sie anrufen kann. Stimmt. Aber wir entscheiden einfach selbst wo und wen wir anrufen. Wir können bei einer CDU-geführten Stelle Unterstützung suchen und genauso bei einer SPD-geführten Landesregierung. Wir können mit Grünen sprechen und mit Menschen, die überhaupt keiner Partei angehören.

Wichtig ist doch: Kennt sich jemand mit unserem Problem aus und kann diese Person etwas beitragen? Wenn ja, möchten wir miteinander sprechen. Eigentlich ist es nicht komplizierter.

Unabhängig heißt für uns deshalb nicht: ohne Netzwerk. Es heißt, dass unser Netzwerk dort weitergehen kann, wo ein Parteinetzwerk irgendwann aufhört. Und am Ende sollte für Baltrum sowieso nicht entscheidend sein, welche Partei irgendwo dahintersteht.

Sondern ob etwas dabei herauskommt.

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